Fachforum 2013

Postfossiles Zeitalter: Was ändert sich in Politik und Gesellschaft?

Die Energiewende bedeutet eine langfristige Umstellung von fossilen Energieträgern wie Öl und Kohle oder von Rohstoffen wie Uran auf regenerative Energiequellen. Das hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Energieversorgung, denn neben der Industrie mit ihrem traditionell hohen Energieverbrauch sind auch die Landwirtschaft und die Zulieferindustrie von der Umstellung betroffen. Welche Strukturveränderungen kommen auf die Wirtschaft zu? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer dieser Entwicklung? Und wie können Politik und Gesellschaft den anstehenden Transformationsprozess sozialverträglich gestalten und gleichzeitig verhindern, dass energieintensive Industrien ins Ausland abwandern? Diesen und anderen Fragen widmete sich das Fachforum 2013 des Kompetenzzentrums für Raumforschung und Regionalentwicklung e. V. (KompZ) mit dem Thema „Postfossiles Zeitalter“ im Februar in Hannover.

Der Bauer als „Ackerscheich“

Im postfossilen Zeitalter nehmen nicht nur die Dienstleistungen zu, auch die Landwirtschaft und der Boden gewinnen an Relevanz, so Prof. Dr. Roland Czada von der Universität Osnabrück. Neue Nutzungen der Ackerbauflächen, die von der Energiepflanzenproduktion bis zur Bereitstellung von Flächen für Windparks reichen, seien mit höheren Gewinnen als herkömmliche Nutzungen verbunden; der Produktionsfaktor „Boden“ erhalte dadurch eine gänzlich neue Qualität. Czada benannte Landwirte in diesem Zusammenhang als „die neuen Ackerscheichs“. Dass die neuen Nutzungen vielfach Interessenkonflikten unterliegen, zeigte er am Beispiel der Windenergie: Für Windenergiestandorte sei die Pacht wesentlich höher als die Erträge des Energiepflanzenanbaus auf gleicher Fläche, weswegen sich eine Nutzungsänderung für Landwirte wirtschaftlich lohne. In der Bevölkerung stießen die neuen Nutzungen jedoch vielfach auf Widerstand. Die Energiewende sei deshalb als groß angelegtes Wachstumsprojekt mit einem steigenden Bedarf an räumlicher Steuerung verbunden. Nach Czadas Einschätzung braucht die Vorbereitung auf das postfossile Zeitalter Zeit und Planung.

Postfossile Algebra: Suffizienz + Subsistenz = Resilienz

In Bezug auf die Energiewende ist jedoch das eigene Konsumverhalten noch viel zu häufig unreflektiert. Auch hier muss ein Umdenken stattfinden und Veränderungen der eigenen Verhaltensweisen nach sich ziehen, um das Ziel eines „postfossilen Zeitalters“ überhaupt erreichen zu können.

Prof. Dr. Nico Paech, Universität Oldenburg, gab einen Überblick zum Thema „Postwachstumsökonomik“, das sowohl Wachstumskritik als auch Kritik an Wachstumszwängen beinhaltet. Nach Paech ist zukünftig nicht nur ein „Peak-Oil“, sondern eher sogar noch ein „Peak-Everything“ zu erwarten, der auch einen „Peak-Happiness“ umfasst. Er beobachtet in etablierten Industrienationen derzeit eine „Konsumverstopfung“ und ein „Konsum-Burnout“, wobei diese Phänomene durch die zunehmende Arbeitsteilung und die damit einhergehende fortschreitende Effizienzsteigerung in der Produktherstellung ermöglicht werden. Diese Entwicklung habe allerdings zunehmend größere Entfernungen zwischen Produktions- und Konsumort zur Folge. Die zurückgelegte Distanz für ein Produkt nehme stetig zu und werde doch durch die noch immer weiter sinkenden Transportkosten wieder kompensiert. Als weiteren kritischen Punkt nannte er die umfassende „Fremdversorgung“ mit Konsumgütern, die den Konsumenten nahezu einen Konsumzwang auferlege. Er verwies in diesem Zusammenhang auf eine hohe Vulnerabilität des derzeitigen Wirtschaftsmodells und beschrieb als eine mögliche Antwort die Erhöhung der Resilienz.

Postfossiles Zeitalter: Herausforderung für Politik und Planung

Prof. Dr. Lutz Hieber, Universität Hannover, skizzierte am Beispiel von verschiedenen Beratungsgremien den Einfluss der Politikberatung auf Entscheidungen in der Politik. Nach Hieber spielt die Wissenschaft eine wichtige Rolle bei der Transformation des Energiesystems und könne deswegen großen Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess nehmen. Da in Deutschland einzelne Expertenmeinungen aus der Wissenschaft häufig schon als die Wahrheit dargestellt und angepriesen würden, müsse auf der Seite der Wissenschaft ein Wandel bzw. Gleichgewicht von Expertise und Gegenexpertise gefunden werden. Er bemängelte auch, dass Universitäten einige dringende Fragen nicht in ihre Forschungsrahmen aufnähmen.

Welche Rolle kann die räumliche Planung bei dem Übergang in das postfossile Zeitalter übernehmen? Mark Herrmann, Region Hannover, wies auf die Vielfalt der Auseinandersetzungen und Konfliktlinien räumlicher Planung bei dem Thema „Klimaschutz“ hin und zeigte am Beispiel des „Masterplans 100 % Klimaschutz“ und des geplanten klimaoptimierten Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) 2015 der Region Hannover, wie die Region mit dem Klimawandel umgeht. Hannover versuche als „Vorreiterin“ die Energiewende auch als Chance zu kommunizieren und persönliche Handlungsweisen zu verändern. Stets gehe es in den Vorhaben und Projekten um sinnvolle, effiziente Prozessstrukturen und um die umweltverträgliche Gestaltung der Energiewende, denn diese bedeute einen Umbau der existierenden Kulturlandschaft. Die räumliche Planung sieht Herrmann hierbei in der Rolle des Interessenvermittlers und Kommunikators.

Doch füllt die räumliche Planung diese Rolle gegenwärtig zufriedenstellend aus? In der anschließenden Diskussion wurden diesbezüglich Bedenken geäußert. Häufig lasse die Planung kritische Stimmen eher verhallen als sie aufzugreifen. Außerdem sei es schwierig, alle notwendigen Stakeholder gemeinsamen an einen Tisch zu bekommen. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass der Weg das Ziel sei und der eigentliche Nutzen darin bestehe, Menschen zusammenzubringen sowie Netzwerke zu schaffen und zu etablieren.

Strukturwandel nicht ohne Bürgerbeteiligung

Dr. Thomas Köhler, Pestel Institut Hannover, fasste am Ende der Veranstaltung wichtige Fragen zusammen: Kann Demokratie den Strukturwandel schaffen? Was bedeutet eigentlich „postfossile Gesellschaft“ und wo liegen die Grenzen des Wachstums? Er stellte fest, dass die Energiewende stattfindet, sie jedoch nicht ohne eine breite Bürgerbeteiligung funktionieren kann. Energiewende bedeute für ihn konsequenterweise auch den Ausbau von Subsistenzwirtschaft. Außerdem beschrieb er als Ausweg aus den bisherigen Mustern die Senkung des Konsums und die Stärkung der Kommunen sowie des bürgerschaftlichen Engagements für die Selbstversorgung.

Die Tagung hat viele Antworten gegeben, aber auch einige Fragen aufgeworfen. Abschließend wurde festgehalten, dass beim Thema „Energiewende“ Offenheit notwendig sei und die Transformation auf der politisch-institutionellen Ebene engagierte Prozessinitiatoren, eine vertikale Transparenz in Politik und Parteien sowie starke Persönlichkeiten, die in der Lage sind, den Wandel zu gestalten, voraussetze. Die große Resonanz zum Thema „Postfossiles Zeitalter“ und die vielen diskutierten Aspekte spiegeln die Aktualität des Themas wider. Sie werden in der Ringvorlesung des Kompetenzzentrums an der Leibniz Universität Hannover im Sommersemester 2013 aufgegriffen und tiefergehend diskutiert.

Timm Wiegand, wiegand@arl-net.de

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